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Mittwoch, 15. April 2026
Elif Sarbalkan hat Schizophrenie – Wie sie anderen hilft und sich gegen Vorurteile stark macht

HEILBRONN Elif Sarbalkan kämpft sich jeden Morgen aus dem Bett. Die 55-Jährige lebt mit chronischer Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Sarbalkan hat Schizophrenie. Seit 35 Jahren beeinflusst die Erkrankung ihren Alltag. Sie ist eine von 800.000 Menschen mit Schizophrenie in Deutschland. Mehr als 12.000 neue Diagnosen kommen jährlich dazu, das zeigen Zahlen der Bundespsychotherapeutenkammer. Symptome sind zum Beispiel Sinnestäuschungen, Verfolgungsängste, aber auch Verlust von Energie und Freude. Obwohl sie selbst Symptome hat, will Elif Sarbalkan anderen helfen. Seit 2023 arbeitet sie im Therapeutikum Heilbronn als Genesungsbegleiterin und unterstützt andere mit ihrer Erfahrung dabei, die Erkrankung zu bewältigen.
Elif Sarbalkan berät und unterstützt im Alltag
Es ist 12 Uhr, Mittagszeit. Im Treppenhaus vor der Kantine im Untergeschoss bildet sich eine lange Schlange. Sarbalkan wird immer wieder von Rehabilitanden angesprochen. Sie ist die einzige Genesungsbegleiterin im Therapeutikum und eine wichtige Stütze für die Rehabilitanden in ihrem Alltag. Ihren Status musste sie sich erstmal erarbeiten. „Am Anfang waren die Rehabilitanden sehr kritisch, ich bin aber immer wieder in den Werkstätten und in den Wohnstätten mitgelaufen und habe mich vorgestellt. Mittlerweile kennt mich jeder“, sagt Sarbalkan. Für die gelernte Hauswirtschafterin war nicht von Anfang an klar, dass sie einmal als Genesungsbegleiterin arbeiten würde.
Salbarkan wird als Tochter türkischer Gastarbeiter in Heilbronn geboren. In ihrer Kindheit verbringt sie viel Zeit bei einer deutschen Nachbarsfamilie, die auf sie aufpasst, während ihre Eltern arbeiten. „Das war eine Nachbarin, die war meine deutsche Oma. Die hat mich oft aufgefangen, aber ich war als Kind schon immer sehr zerrissen.”
Die Schule fällt ihr schwer. Sie schafft die Ausbildung an der Hauswirtschaftsschule nur mit eiserner Disziplin. Nach einem Suizidversuch kommt sie in das Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg. Diagnose: Schizophrenie. Anfangs möchte sie ihre Diagnose gar nicht wahrhaben. Sie erholt sich jedoch von ihrem Suizidversuch und fängt an, als Hauswirtschafterin zu arbeiten. Als ihr Ehemann stirbt und die Krankheitstage sich häufen, geht die alleinerziehende Mutter zunächst in Frührente. In einer Patientenzeitschrift stößt Sarbalkan auf die Ausbildung der Genesungsbegleiterin. „Ich war mir am Anfang nicht sicher, ob ich in den Beruf einsteigen will. Aber der Kurs mit 25 anderen Menschen, die alle eine psychische Erkrankung haben, hat mich sehr geprägt. Das war eine völlig neue Welt.“ Als Genesungsbegleiterin organisiert sie Anti-Stigma-Kurse, bei denen Teilnehmende lernen, wie man mit der eigenen Diagnose umgehen kann. Die Anti-Stigma-Arbeit ist ihr wichtig, da sie selbst mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. „Ich habe aufgrund meiner Erkrankung auch lange zu Hause gewohnt. Mir wurde nachgesagt, dass ich nicht arbeiten und nur auf Kosten des Staates leben würde.“
Als sie die Tür zur Holzwerkstatt des Therapeutikums öffnet, sitzen die Rehabilitanden an ihren Tischen. „Wer kommt mit zum Spazieren?“, fragt Elif Sarbalkan in die Runde. „Ich!“, ruft einer und stürmt sofort zu ihr. Jede Woche bietet Sarbalkan Gesprächsspaziergänge für die Rehabilitanden an. Zu siebt laufen sie zum Wertwiesenpark, direkt am Neckar zwischen der Innenstadt und Sontheim. Die einen reden nicht viel und gehen ihren eigenen Gedanken nach, andere Rehabilitanden sprechen miteinander. Elif fragt alle, wie es ihnen geht. Mit einer Rehabilitandin versteht sie sich besonders: „Wir haben denselben Psychiater und tauschen uns auch gerne aus.“ Als die Gruppe den Park erreicht, wird Elif nachdenklich: „Warum werden die psychisch erkrankten Menschen eigentlich immer jünger?“ „Vielleicht, weil sie früher diagnostiziert werden?“, antwortet die Rehabilitandin.
Stigmatisierung ist weit verbreitet
Professor Nicolas Rüsch von der Universität Ulm forscht zu mentaler Gesundheit. „Viele psychisch Erkrankte sehen sich mit Vorurteilen und Stigma konfrontiert“, sagt Rüsch. Ihm zufolge sind die häufigsten Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischer Erkrankung, dass sie als faul, gefährlich, selbst schuld und inkompetent angesehen werden. Dass sich das ändert, wünscht sich auch Sarbalkan. In schwierigen Zeiten gibt ihr die Arbeit Halt: „Es ist eine sehr sinnstiftende Tätigkeit.“ Auch Hobbys wie zum Beispiel Filme schauen, Stricken und der Kontakt zu ihren Kindern spielten eine wichtige Rolle, um die Resilienz zu stärken. „Obwohl ich Genesungsbegleiterin bin, heißt es nicht, dass ich symptomfrei bin. Ich versuche, mit den Symptomen zu leben.“
Projekt Jona für junge Leute
Die Autorin ist Stipendiatin der Journalistischen Nachwuchsförderung (Jona) der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Jona ist eine studienbegleitende Ausbildung, die mit jedem Fach kombinierbar ist. Die Geförderten lernen das journalistische Handwerk von Profis aus der Praxis, werden finanziell unterstützt und individuell auf ihrem Weg in die Redaktionen betreut. Die Kurse finden in den Semesterferien statt und vermitteln Grundlagen wie Recherche oder Schreiben genauso wie Freude an Innovation. Acht Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ganz Deutschland kamen im März für zehn Tage nach Heilbronn für ein Seminar zu Lokaljournalismus. Unter dem Oberthema„Eine Stadt im Spannungsfeld“ haben sie Texte für die Heilbronner Stimme geschrieben und Social Media-Beiträge produziert.
© Heilbronner Stimme / Redakteurin: Chamaida Ya-Ying Tsang Foto: Chamaida Ya-Ying Tsang
