AktuellesExperte warnt vor mehr Psychosen

Dienstag, 17. Januar 2023


Pressemitteilung

Abbildung: Experte warnt vor mehr Psychosen

Zeitpuffer als Vorteil

Das Eckpunktepapier zur kontrollierten Abgabe von Cannabis ab 18 Jahren wird bislang eher als politische Absichtserklärung gewertet. Einen Gesetzestext, den die EU dafür braucht, gibt es noch nicht. Eine Legalisierung peilt die Regierung für 2024 an. Die Debatte hat aber jetzt schon Auswirkungen auf die Beratungsarbeit vor Ort. Die Suchthilfe in der Region sieht den Zeitpuffer als Vorteil, sich zu positionieren. Sie bietet für Schulklassen und Jugendgruppen einen Workshop (Cannabis quo vadis) in Klasse 8 bis 10 an, durch Interaktion werden Themen vertieft, persönliche Aspekte spielen eine Rolle. Das Programm wird in ganz Baden-Württemberg an zahlreichen Orten eingesetzt. Zudem gibt es mit FreD (Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten) einen Kurs für Jugendliche, die beim Kiffen erwischt wurden, der auch freiwillig besucht werden kann.

Cannabis soll legalisiert werden, wenn es nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach geht, auch wenn die Gespräche zwischen Berlin und der EU-Kommission bislang rein informell sind. Denn um die deutschen Pläne zu prüfen, bräuchte die EU einen Gesetzestext, den es derzeit noch nicht gibt. Aber wäre eine Legalisierung Abbild der Realität oder gravierende Gefahr für die seelische Gesundheit?

Falsches Signal

Während Sozialberatungsstellen sagen, dass mit einer Freigabe der gängigen Praxis Rechnung getragen wird, sehen Kinder und Jugendpsychiater das Vorhaben kritisch. „Ich denke, dass Heranwachsende das Signal missverstehen könnten“, sagt Dr. Claas van Aaken, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg. Der Zugang könne so für sie leichter sein. „Nach dem Motto: Wenn es für Erwachsene erlaubt ist, kann es nicht so gefährlich sein.“

Das Gegenteil sei der Fall. „Der Konsum kann schwere psychiatrische Krankheiten wie Psychosen auslösen“, sagt der Chefarzt. Sie zögen teils schwerwiegende Beeinträchtigungen des Denkens, Fühlens oder Handelns nach sich, könnten zu Wesensveränderungen, Verfolgungswahn oder Wahrnehmungsstörungen führen. Zwar handele es sich um Einzelfälle, aber diese seien gravierend: „Es besteht das Risiko, dass betroffene Jugendliche von einer drogeninduzierten Psychose nie völlig genesen.“

Deshalb fordert van Aaken im Fall einer Legalisierung Aufklärungskampagnen, speziell für Kinder und Jugendliche. „Der Plan, dass Cannabis in der Apotheke abgegeben werden sollte, ist sinnvoll, weil damit eine Beratung und eine Sensibilisierung für die Risiken verbunden wären.“ Die Droge ist indes verbreitet. „Bei uns auf der Jugendsuchtstation ist bei fast allen Patienten Cannabiskonsum mit dabei.“ Zehn Plätze gibt es dort für die 14- bis 19-Jährigen, die Warteliste ist voll. „Die Nachfrage ist immer hoch und übersteigt das Angebot.“

Oft beginne die Spirale mit Alkohol, dann gehe es weiter mit Cannabis, Opioiden, Schmerzmitteln, Speed, Amphetaminen. Auf der Jugendsuchtstation werde zudem die Lebenssituation beleuchtet. „Wir stellen die Frage, was die ,Grundstörung’ ist, ob es um ADHS geht, eine Angstproblematik oder eine Depression.“ Dann folgen Entgiftung, Abstinenzmotivation und Bearbeitung des Grundproblems. „Wir versuchen, eine Perspektive zu entwickeln.“

Weit verbreitet

Kathrin Finkbeiner, Leiterin der Suchtberatungsstelle der Caritas Heilbronn-Hohenlohe findet, dass das Eckpunktepapier zur kontrollierten Abgabe von Cannabis „im Prinzip eine Abbildung der Realität“ ist. „Die Droge ist verbreitet und hat bei Erwachsenen kaum mehr Auswirkungen, als wenn sie Alkohol konsumieren.“ Beides könne bei jungen Menschen aber bei regelmäßigem Konsum gravierende Folgen haben. „Das Risiko, eine Psychose nach Cannabiskonsum zu entwickeln, ist bei Jugendlichen siebenfach höher als bei Erwachsenen.“ Dass sich die Besteuerung nach der Höhe des THC-Gehalts richten soll, hält sie für sinnvoll. Der Blick nach Portugal, wo der Besitz kleinerer Mengen straffrei ist, zeige: „50 Prozent wird dort auf dem Schwarzmarkt gekauft, 50 Prozent an Vergabestellen“.

Eine Studie in Kanada, wo Konsum und Besitz legal sind, belege, dass die Zahl der Konsumenten sich nicht erhöht hat. Minderjährige würden seit der Legalisierung weniger straffällig. Das Therapeutikum in Heilbronn-Sontheim rehabilitiert Menschen mit drogeninduzierten Psychosen. Der Erkrankungsbeginn einer solchen Psychose erfolge relativ früh, erklärt Geschäftsführerin Martina Wieland. Es gebe bis zu diesem Zeitpunkt weniger soziale Integration, Schulbildung und persönliche Entwicklung, auf die der Betroffene nach einer Behandlung zurückgreifen könne. „Die Rehabilitanden leiden unter mangelndem Antrieb, mangelnder Belastbarkeit, weniger Konfrontationsfähigkeit und sozialem Rückzug“, sagt Martina Wieland.

© Heilbronner Stimme, Redakteurin Petra Müller-Kromer


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