Aktuelle Nachrichten und Historie

zur Übersicht

Reformator der Psychiatrie

Besuch von Professor Heinrich Kunze

Prof. Heinrich Kunze ist ein Reformator. Mit Leidenschaft und aus Überzeugung hinterfragt der Sohn eines evangelischen Gemeindepfarrers aus Kreuztal bei Siegen jene Strukturen, die er als schädlich vorzufinden scheint.

Kunze ist kein Einzelkämpfer, er erreicht die Erfolge gemeinsam mit anderen und parteiübergreifend. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Aktion psychisch Kranke, die 1971 gegründet wurde. Nach dem Abitur im hessischen Biedenkopf 1959 studierte Kunze Medizin. Das evangelische Studienwerk Villigst ermöglichte ihm mit seiner Hochbegabtenförderung eine Orientierung über das Medizinstudium hinaus. Kunze wandte sich der Soziologie zu, wurde Psychiater, wechselte ans Max-Planck-Institut in München und ging nach Denver und London.

Aus Amerika und England zurückgekehrt, stellte er das deutsche System der zentralen Unterbringung von psychisch Kranken in Landeskrankenhäusern in Frage. Dort lebten noch bis in die siebziger Jahre hinein bis zu 25 Patienten in Anstaltskleidung ohne eigenen Nachtschrank Bett an Bett. Sie wurden eher verwahrt als behandelt. Mitte der 70er Jahre war Heinrich Kunze Arzt im heutigen Klinikum am Weissenhof in Weinsberg und betreute in der Anfangszeit Patienten im Therapeutikum auf dem Weg in eine gemeindenahe sozialpsychiatrische Versorgung.

Mit seiner Habilitation an der Universität Heidelberg bewies Kunze, daß das „dezentrale Heim“ - die gemeindenahe Psychiatrie - möglich war. Deren Strukturen waren menschenwürdiger, medizinisch effizienter und deshalb auch ökonomisch überlegen. Kunze wechselte zum Landeswohlfahrtsverband Hessen in dessen Kasseler Zentrale und leitete seit 1984 bis zu seinem Ruhestand als Ärztlicher Direktor die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Merxhausen bei Kassel.

Seine aktuelle Veröffentlichung „Psychisch krank in Deutschland – ein Plädoyer für ein zeitgemäßes Versorgungssystem“ befasst sich mit den vielschichtigen Problemen im Versorgungssystem für psychisch kranke Menschen. Ihnen und ihren Angehörigen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, das ist das Ziel der Psychiatrie-Enquête von 1975 und der in Deutschland gültigen UN-Behindertenrechtskonvention (seit 2009). Doch geriet das Ziel in Konflikt mit dem fragmentierten Versorgungssystem in Deutschland, das zunehmend von Gewinnstreben und Sparzwängen bestimmt wird. Was ist aus den Reformen seit 1975 geworden? Was bringen die aktuellen Reformen? Erfahrungsberichte von Therapeuten und von Personen mit eigener Erfahrung als Nutzer der Psychiatrie veranschaulichen die Analyse.

Der Besuch im THERAPEUTIKUM diente Herrn Prof. Kunze, Herrn Dr. Kunow (Geschäftsführer bis 2004), Herrn Gerhard Kube (Psychologischer Psychotherapeut und seit 35 Jahren im THERAPEUTIKUM) und Frau Martina Wieland (Geschäftsführerin seit 2004) einer Reflektion des bisherigen Systems und das Durchdenken neuer Reformen.

Bild   Dr. Jens Kunow, Martina Wieland, Prof. Heinrich Kunze und Gerhard Kube (v.l.n.r.)